Evangelische Kirche Thierstein/Höchstädt
Kirchengemeinde Thierstein

Die Fenster im Chorraum

Im Zuge einer umfassenden Renovierung wurden die Fenster im Chorraum, die seit der Zerstörung der Kirche 1945 als einfache Bleiglasfenster ausgeführt waren, 1977 und 1978 künsterlisch gestaltet. Entwurf und Ausführung wurden vom 2002 versorbenen Grafiker Rudolf Büder vorgenommen.


Diese Fenster gehören wohl zum merkwürdigsten Inventar unserer Kirche. Das liegt an ihrer besonderen Entstehungsgeschichte.

Das Thema des Kunstwerkes war die Bibelstelle Offenbarung 4:

 Danach, als ich aufblickte, sah ich am Himmel eine offene Tür. Dieselbe Stimme, die schon vorher zu mir gesprochen hatte, gewaltig wie der Schall einer Posaune, sagte: "Komm herauf! Ich will dir zeigen, was in Zukunft geschehen wird."

2 Sofort ergriff mich Gottes Geist, und dann sah ich: Im Himmel stand ein Thron, auf dem jemand saß.

3 Die Gestalt leuchtete wie ein Edelstein, wie ein Jaspis oder Karneol. Und um den Thron strahlte ein Regenbogen, schimmernd wie lauter Smaragde.

4 Dieser Thron war von vierundzwanzig anderen Thronen umgeben, auf denen vierundzwanzig Älteste saßen. Sie trugen weiße Gewänder und auf dem Kopf goldene Kronen.

5 Blitze, Donner und gewaltige Stimmen gingen von dem Thron aus. Davor brannten sieben Fackeln: Das sind die sieben Geister Gottes.1

6 Gleich vor dem Thron war so etwas wie ein Meer, durchsichtig wie Glas, klar wie Kristall. In der Mitte und um den Thron herum standen vier mächtige Lebewesen, die überall Augen hatten.

7 Die erste dieser Gestalten sah aus wie ein Löwe, die zweite glich einem Stier; die dritte hatte ein Gesicht wie ein Mensch, und die vierte glich einem fliegenden Adler.

8 Jede dieser Gestalten hatte sechs Flügel. Auch die Flügel waren innen und außen voller Augen. Unermüdlich, Tag und Nacht, rufen sie: "Heilig, heilig, heilig ist der Herr, der allmächtige Gott, der schon immer war, der heute da ist und der kommen wird!"

9 Diese vier Lebewesen loben und preisen den, der vor ihnen auf dem Thron sitzt und immer und ewig leben wird.

10 Und jedes Mal fallen die vierundzwanzig Ältesten dabei vor ihm nieder und beten den an, dem alle Macht gegeben ist und der ewig lebt. Sie legen ihre Kronen vor seinem Thron nieder und rufen:

11 "Dich, unseren Herrn und Gott, beten wir an. Du allein bist würdig, dass wir dich ehren und rühmen, uns deiner Macht unterordnen. Denn du hast alles erschaffen. Nach deinem Willen entstand die Welt und alles, was auf ihr lebt."

Das Fenster oberhalb der Loge rechts zeigt den Kampf zwischen Licht und Dunkelheit, das Fenster in der Seylerschen Loge zeigt die Braut Christi, das neue Jerusalem.

Ees hat 35 Jahre gebraucht, bis dieses Kunstwerk den Raum bekommen hat, der ihm gebührt. Seit der Wiedereinweihung der Kirche ahnen wir, welches Geschenk der Künstler Rudolf Büder der Gemeinde mit diesen Fenstern gemacht hat.

Es ist nicht allzuviel über Rudolf Büder zu finden, obwohl er in etlichen Kirchen unserer Landeskirche gestalterisch tätig war: in der Ev. Akademie in Tutzing, in München, Kirchenlaibach, Berchtesgaden und anderswo. 1920 wurde er in Kamenz geboren, in der Oberlausitz, und wurde zunächst von seinem Vater als Dekorationsmaler ausgebildet. Nach dem Krieg besuchte er die Kunstschule in Bremen, später auch die Kunstakademie in München, an der er zeitweise lehrte.

Es gibt ein Thema, das die Werke von Büder durchzieht, und das ist der Kosmos und die Sternenwelt; in besonderer Weise aber die Endzeit. Büder hatte die Gabe der inneren Schau. Das heißt: ihm war - ähnlich dem Johannes - geschenkt, einen Blick in die jenseitige Welt Gottes zu tun. In einer Abhandlung über ihn heisst es:

"„Aus den Schöpfungen Büders bricht eine eigene Welt hervor, die aus Sammlung, Stille und Wanderungen durch diese Welt, in den Nächten zwischen Erde und Sternenrhythmus, gespeist wird. Büder ist scheu, einsam, nirgends zu Haus und doch geführt. Er wird von apokalyptischen Mächten bedrängt, formuliert sie in Zeichen, träumt, und erkennt im Zwielicht hellklare Wirklichkeit und einbrechende Ewigkeit. Mythos, Urgeschichte, kosmisch-astrologische Erfahrung und Überlieferung, Grenzsituationen und die Heilsgewissheit der beiden Testamente leben in ihm und lassen nicht nur seine künstlerische Gestaltung verwandeln und transzendieren, sondern verbinden Heil und Erlösung mit den dunklen und nur langsam sich erhellenden Mächten der Welt. Die Technik hat sich nach seiner Aussage völlig unterzuordnen, aber der Wechsel und die mühevollen Versuche mit fast allen graphischen Sparten offenbaren die Hingabe Rudolf Büders, den adäquaten Ausdruck zu finden. Auf vielen Ausstellungen im In- und Ausland fand das Werk Rudolf Büders Widerhall."

Büder nimmt uns hinein in eine Welt, die für uns heutige Christen irrelevant geworden zu sein scheint. Nachdem wir geneigt sind, alles Jenseitige zu verbannen und den Glauben und seine Wirkmächtigkeit auf das Hier und Jetzt zu reduzieren, fällt es vielen schwer, auch dieses zu verstehen und anzunehmen: dass wir als Christinnen und Christen hineingestellt sind in eine Realität jenseits dessen, was wir mit Augen und Ohren und Verstehen erfassen können. In dieser Realität sind wir erkannt und durchschaut, da sind so viele Augen, dass keiner übersehen wird, der zu Gott gehört. In dieser Welt sind wir erleuchtet im wahrsten Sinn des Wortes, beschienen vom Licht der Auferstehung. In dieser Welt sehen wir direkt in Gottes Vaterherz hinein.

Da leuchtet nachmittags zu einer bestimmten Zeit die Sonne durch das Fenster oberhalb der Loge und durchs Logenfenster und taucht die Wand hinter unserem Altar in ein Licht, dass wie ein brennendes Feuer lodert. Man muss es selbst gesehen haben, um von diesem Anblick gefangen zu sein.


Büder hat uns eine kosmische Schau und einen heiligen Raum in der Gegenwart des Herrn hinterlassen. Wenn wir uns heute zum Heiligen Abendmahl um unseren Altar versammeln, dann treten wir gleichzeitig vor den Thron Gottes. Dann sind wir diejenigen, die Gott anbeten, ihn preisen und die im Licht des Himmlischen Jerusalem vor den Thron des Lammes treten.

Dort, um den Altar versammelt, sind wir Brüder und Schwestern, Gleiche unter Gleichen, die mitten in der hellklaren Wirklichkeit der Mahlsgemeinschaft angerührt, ja umgetrieben werden von der einbrechenden Wirklichkeit Gottes.

Büder konnte nicht wissen, dass das wichtigste Fenster, auf dass die anderen doch nur hinwiesen und vor dem sich verneigten, 35 Jahre lang durch den Hochaltar, der bis 2011 im Chorraum stand, verborgen sein würde. Er konnte auch nicht wissen, dass das Licht des Logenfenster einst als Feuerzeichen hinter dem Altar erscheinen würde, denn diese Wand entstand erst 2013 mit der Renovierung-vorher war dort eine Tür. Es scheint so, als käme jetzt zu seiner Bestimmung und Vollendung, was 1978 begonnen wurde.

In der Kunstgeschichte werden die vier Wesen aus Hesekiel und der Offenbarung auch als Attribute der Evangelisten gedeutet:


Informationen zu Rudolf Büder im Web